Die Gabel

Sie lag vielleicht einen Meter von mir entfernt. Ich hatte sie am Vorabend zurückgelassen, sie nicht, wie das andere Besteck und Geschirr, in die Küche getragen, um sie von Hand zu reinigen. Ich beobachtete sie sehr aufmerksam. Ihre kompromisslose Haltung, ihre Auflagepunkte auf dem Holztisch, der Bogen dazwischen und schließlich die nach oben hinstrebenden Zinken – ihre ganze Haltung war angespannt und entspannt zugleich. Ihre meisterliche Ausrichtung, in Erwartung eines neuen Gerichts, beeindruckte mich und gleichzeitig forderte sie mich heraus, sie zu motivieren, ihre, wenn auch ansehnliche Haltung, aufzugeben.
Ich behielt sie im Auge. Drei Tage lang beobachtete ich sie, wartete auf ihre Aufgabe. Am vierten Tag glaubte ich, ein erstes Zeichen zu erkennen. Es war aber nur ein heller Lichtreflex, der eine Bewegung vortäuschte.
Als ich unaufmerksamer wurde, meine Konzentration nachließ und ich schon aufgeben wollte, verlor ich mich an dem rechten Zinken. Und da, unter größter Kraftanstrengung, wie mir schien, hob sich der Zinken unmerklich nach oben.
„Sie gibt mir ein Zeichen,“ schoss es mir durch den Kopf. „Sie winkt mir zu.“ Ich konnte ihre große Anstrengung nur erahnen und bevor meine Bezauberung verflogen war, sank der Zinken wieder nach unten. Mein Gott, was für ein Bewusstsein diese rostfreie Gabel an den Tag legte und sich derart über physikalische Gesetze hinwegsetzen konnte – willensstark und auf den ersten Blick präzise in der Ausführung
Ich ging auf sie zu. Ergriffen von diesem Wunder berührte ich ihren flachen Griff und richtete andächtig die Zinken in Richtung meines Gesicht. Das wollte ich mir doch genauer ansehen und erkannte, dass sie den erhobenen Zinken nicht wieder in die ursprüngliche Position zurückgeführt hatte. Er hing nun etwas tiefer als seine Nachbarn. Sie hatte sich entstellt, um mir ein Zeichen zu geben. Ich war sprachlos.

An einem Samstag, einige Wochen später, ich hatte die Geschichte mit der Gabel schon vergessen, betrat ich das Cafè Helene.
Ich setzte mich an einen kleinen Tisch und richtete mich mit meiner Tasche, der Kamera und der grünen Jacke, die für die Jahreszeit eigentlich schon zu warm war, ein.
Das Cafè war gut besucht und eine junge Dame huschte immer wieder zwischen den Tischen und der Theke hin und her. Ich beobachtete sie. Ich musste sie beobachten, weil sie ohne Unterlass mein Sichtfeld durchschritt. Eine Zeitung wollte ich nicht lesen. Ich wollte jetzt weiter schauen, als es mir mein Computerbildschirm in der Woche erlaubt hatte. Je länger ich die junge Dame beobachtete, desto weniger vermochte ich mich selbst zu bewegen. Wie angenehm da doch die vergangene Beobachtung der Gabel war. Nach einer halben Stunde bewegte ich nicht einmal mehr meinen Kopf. Meine Augenlider fielen nur ganz selten nach unten. Ich erstarrte nach einer weiteren halben Stunde vollständig. Nur so konnte ich den Bewegungen der ausdauernden Bedienung folgen. Alle anderen Personen in dem Cafè blendete ich aus. In meinem Kopf entstanden imaginäre Linien in dem Raum. Linien, die die sich wiederholenden Wege der jungen Dame markierten, Schleifen, Sackgassen zu Tischen, die sich an den Fenstern befanden und so weiter.
Wie ein Tower beobachtete ich die junge Dame, die wie ein Flugzeug an Tischen landete, um gleich wieder zu starten.
Ich weiß nicht, warum sie mich nicht beachtete. Vielleicht lag es an meiner erstarrten Position, die mich wie ein Möbelstück erscheinen ließ. Ich fühlte mich leblos, versteinert. Nur in meinem Kopf spielten noch Gedanken miteinander. Ich erinnerte mich an die Gabel, ihre Haltung und bald fühlte ich mich wie sie.
Dann brachte ich alle Kraft auf, die in meinem gefühllosen Körper eine Bewegung initiieren sollte. Gleich der Gabel, die unter größter Konzentration einen Zinken bewegte und mir damit ein Zeichen gab, mobilisierte ich meinen tauben Arm und richtete ihn in einer sehr langsamen Bewegung nach oben. Es dauert einige Zeit, bis er vollständig ausgestreckt über meinem Kopf ein Zeichen setzte.
Zwei der Gäste starrten mich an. Das war mir sehr unangenehm, weil mein Zeichen der jungen Dame galt und nicht dem Paar. Ich verblieb in dieser Position und wartete.

Als die junge Dame in Richtung Tresen ging, erblickte sie mich und bald stand sie an meinem Tisch. Weil ich vergaß, den Arm wieder nach unten zu richten, schaute sie mich etwas irritiert an. Zunächst einmal musste ich ja die Gefühle der aufkommenden Freude verwalten, bevor ich mich auf den Arm konzentrieren konnte.

„Was kann ich ihnen bringen ... ?“

Ich antwortete nicht, weil alles plötzlich so schnell ging, die junge Dame sich auch nicht mehr oder nicht mehr so intensiv bewegte. Die Situation hatte sich grundlegend geändert.

„Kann ich ihnen schon etwas bringen?“

„Ja, ... ja, eine Gabel, ... bitte.“

Es wurde still, für einen kurzen Augenblick.

„Und etwas, was ich damit zerkleinern kann, eine Kartoffel oder sowas ...“

   

  

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